Erasmus im Corona-Style

Im Wintersemester 2020/21 (01.09.2020-31.01.2021) bin ich mit dem Erasmus+ Programm an die Universität Vic in Katalonien (Spanien) gegangen. Aber hier in Hannover studiere ich derzeit an der HS Lebensmittelverpackungstechnologie (LMV) mit dem Abschluss B. Eng. und werde im März 2021 mein sechstes Semester beginnen.

Die Universität in Vic ist eher klein und das Kursangebot ist nicht so vielfältig, weshalb ich auch zum Teil fachfremde oder fachlich etwas weiter entferntere Kurse, z.B. „Trends in Biomedical Biotechnology“ oder „Global Communication Strategies“, belegt hatte. Hierbei muss aber berücksichtigt werden, dass der Studiengang LMV sehr spezifisch ist und ich infolgedessen Kurse an der Universität in Vic gewählt habe, die es mir ermöglichen, eine Spezialisierung zu entwickeln und eine breitere Perspektive zu meinem Bachelor-Studium an der HS in Hannover hinzuzufügen. Rückblickend bin ich mit meiner Fächerwahl sehr zufrieden, da ich Kurse aus verschiedenen Studienbereichen wählen konnte, z.B. Biowissenschaften, Betriebswirtschaft, Kommunikationswissenschaften, Ingenieurwesen und Gesundheitswesen, und ich beispielsweise im Kurs „Basic Instrumental Techniques“ mittels verschiedener Praktikumseinheiten Laborerfahrung sammeln konnte und mit modernsten Geräten gearbeitet habe. Beim Befragen der anderen Erasmus-Studenten ist mir jedoch aufgefallen, dass ich der einzige war, der die Möglichkeit genutzt hatte, Kurse aus verschiedenen Fachbereichen und dementsprechend auch verschiedenen Fakultäten zu wählen.

Im Allgemeinen werden an dieser Universität die Kurse auf Englisch und Spanisch, sowie natürlich auch auf Katalanisch angeboten. Da ich nur ein bisschen Spanisch spreche (A1 und A2 Sprachkurs der HS vor Beginn meines Auslandssemesters besucht), und zu Beginn meines Aufenthaltes noch kein Katalanisch, habe ich mich natürlich dazu entschieden, nur Kurse mit englischer Unterrichtssprache zu belegen. Es fällt einem ziemlich schnell auf, dass die katalanischen und spanischen Studenten sehr häufig nicht so gut Englisch sprechen wie die internationalen Studenten, weshalb man zum einen mit einem Englisch B2 Level auf jeden Fall absolut solide aufgestellt ist und man sich keine Gedanken machen muss, ob sein Sprachniveau den Anforderungen entspricht, und zum anderen ist infolgedessen in den allermeisten englischsprachigen Kursen der Erasmus-Studenten-Anteil sehr hoch.

Die Kurse werden auf Plattformen wie Moodle (mit BBB), Zoom oder MS Teams geführt - je nach Möglichkeit, bestmöglicher Verbindung und geeigneter Arbeitsweise. Hierbei gab es größtenteils keine Probleme, da die Uni und die einzelnen Professoren digital sehr gut aufgestellt waren.

Darüber hinaus sind die Kurse im Vergleich zu den Modulen an der HS in Hannover vom Niveau her eher einfacher, jedoch müssen viele Leistungsnachweise und Teilprüfungen (z.B. Moodle-Quiz, bewertete Aufgaben und Aufsätze, kurze Referate, Diskussionsrunden, Debatten, Laborberichte usw.) erbracht werden und beim Großteil der Kurse wird auch die Anwesenheit kontrolliert und die Kursbeteiligung bewertet. Somit zählt die finale Klausur am Ende des Semesters meist nur noch ca. 30%, aber muss gewöhnlich trotzdem mit einer 5,00/10,00, also umgerechnet einer 4,0 bestanden werden, um den gesamten Kurs zu bestehen.

Trotz der extrem geringen Nutzung der Universität durch die komplette Verlagerung im November auf den virtuellen Unterricht (von September bis Oktober wurden 4 meiner insgesamt 6 Kurse in Präsenz durchgeführt), sind die Gebäude der Universität auffallend modern und neu ausgestattet und bietet viele Möglichkeiten zum Lernen, Relaxen und Essen. Auch die Betreuung seitens der Koordinatoren der jeweiligen Fakultäten war sehr freundlich und aufmerksam.

Ein weiteres Angebot der Universität ist das Mentorenprogramm. Hierbei wird den neuen Studenten ein Mentor bzw. eine Mentorin zugewiesen, der/die einem mit wertvollen Tipps beim Studienstart aushilft. Die Mentoren stehen als persönliche Ansprechpartner zur Seite und unterstützen einem bei der Erstorientierung auf dem Campus, sowie bei allen Fragen rund um das Studium und rund um das Unileben.

Man kann sich darüber hinaus auch über die Universität eine Sports-Card beantragen lassen und in den Studios der Stadt verschiedene Fitnessangebote besuchen (30,00 Euro für ein Semester). Meiner Meinung nach ist das ein faires und großartiges Angebot. Bedauerlicherweise hatten die Studios jedoch die meiste Zeit geschlossen (durch Corona) und wir mussten auf Alternativen ausweichen, z.B. ein Training auf dem öffentlichen Sportplatz oder Home-Workouts.

Anzumerken ist, dass sich mit der Zeit eine richtige Gemeinschaft aller Erasmus-Studenten gebildet hat. Auch wenn sich nicht jeder gleichstark in die Gruppe integriert und eingebracht hat, kannte nach bereits kürzester Zeit jeder jeden. Es waren ca. 25 internationale Studenten vor Ort, wobei der größte Anteil sicherlich aus Italien kam, aber es gab auch viele Deutsche (7 Jungs), Brasilianer und Polen, die die Chance genutzt haben, zu diesen besonderen Umständen an der Universität in Vic zu studieren.

Bezüglich der Wohnsituation habe ich persönlich das Goldene Ticket gezogen. Ich habe mir eine superschöne moderne Wohnung, die nur 2 min Fußweg von beiden Fakultäten entfernt war, mit einem 27-jährigen jungen katalanischen Geschichtslehrer geteilt. Ich habe mich mit meinem WG-Partner seit Sekunde Eins absolut klasse verstanden und wir haben sehr viel zusammen erlebt (auch trotz Corona). Wir haben Golf gespielt, sind Angeln gewesen, haben diverse Ausflüge gemacht, sind Wandern gegangen, Ski gefahren und ich konnte zudem auch seinen engen Freundeskreis kennenlernen.

Die Stadt Vic ist sehr klein, aber wirklich schön und man findet sich sehr schnell gut zurecht. Es ist alles Notwendige zu Fuß auffindbar. Nicht nur die Nähe zu Barcelona (ca. 1,25 Stunden mit dem Zug) ist sehr praktisch und eröffnet viele Möglichkeiten, sondern auch die Costa Brava, Valencia oder andere schöne Städte sind absolut sehenswert und zu empfehlen. Wenn die Situation mehr erlaubt hätte, hätten auf jeden Fall noch mehr Sightseeing-Touren und Reisen (z.B. ein Ausflug nach Madrid) auf dem Plan gestanden.

Zu einer zuverlässigen Informationsquelle bei Fragen jeglicher Art wurde der Betreiber der „Erasmus“-Bar, der bereits vor Ankunft die meisten neuen Erasmus Studenten auf Facebook angeschrieben und eine WhatsApp-Gruppe eröffnet hatte. So konnten wir uns schon vor Ankunft mit den anderen Studenten austauschen (sehr hilfreich z.B. für die Wohnungs- oder Mitbewohnersuche).

Reflektierend betrachtet, kann ich also behaupten, dass ich sehr froh bin zu dieser außergewöhnlichen Zeit diese unvergessliche und unvergleichbare Auslandserfahrung gemacht zu haben und die einzigartige Möglichkeit genutzt habe, obwohl die Vorstellung eines Erasmus-Semesters bei der Planung (vor Corona) natürlich bedeutend anders war. Ich werde auch weiterhin Kontakt mit meinen neugewonnenen Freunden aus Italien, Brasilien, Schweden, Belgien usw. und natürlich meinem WG-Partner pflegen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Universität in Vic der ideale Ort für Studenten ist, die in einem multikulturellen Umfeld studieren wollen. Die kleinen Klassengrößen und der enge Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden fördern eine gute Allround-Ausbildung. Zusätzlich schaffen die kulturellen Aktivitäten der Stadt Vic und die Nähe zu Barcelona ein städtisch-universitäres Umfeld, das sich gut für Studium, Forschung und Erkundung in einem internationalen Umfeld eignet.

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