Wanderlust

Irische Klischees - und wo sie zu finden sind

Guinness genießen und rothaarige Schafe über die Steilküste schubsen - in Irland, wo sonst?

Vorsicht: Neben ausufernder Alliteration erwarten dich im folgenden Artikel (unter anderem) unbedacht übernommene Überzeugungen. Von Tierquälerei und Klippen wird jedoch Abstand genommen.

Wo sind sie denn, die Klischees?

Genau beim Tippen dieser Frage betritt der irische Mitbewohner das Zimmer. In grünem Pulli mit rotem Vollbart, scheinbar immer noch ein Buch suchend.

Passt! 

Grüne Insel, rote Haare, weltbekannte Schriftsteller wie Yeats und Joyce - davon berichtete schon der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll in seinem Irischen Tagebuch. Hätte Heinrich zu träumen gewagt, dass 60 Jahre später einige Hannoveraner HochschülerInnen in Limerick studieren? Der Mitbewohner verneint und gibt die Suche auf. Er ist übrigens Schriftsteller und abends sicher nicht im Pub anzutreffen. Wo wir auch schon bei unbestätigten Stereotypen wären.

Wir verlassen die WG und gehen zur Uni. Auf dem hiesigen Campus haben sich weit über 1000 internationale Studierende unter die rund 10.000 Iren gemischt und verwirren so bei jedem Versuch der Stereotypisierung. Mein Mitbewohner und ich unterhalten uns lautstark über Klischees. Haben alle Iren rote Haare? Vielleicht ist der "Ginger"-Typ da vorne z.B. ja auch schottischen Ursprungs? „...from Frankfurt“, unterbricht der anvisierte Student unsere Diskussion in akzentfreiem Oxford (Schul-) English. Deutscher also... Die postfaktische Herangehensweise bringt uns hier offensichtlich nicht weiter - wie überall, abseits der Stammtische.

Mit zwei Bechern Tee aus dem Studi-Café setzen wir uns an den angrenzenden Shannon River. Tee wäre auch ein Klischee! In Sachen Teeverbrauch bevölkern die Iren wohl zusammen mit Türken, Ostfiesen und Engländern die oberen Plätze. Diese gesellige Trinksitte nehme ich gerne mit nach Hause. Im Gegensatz zur Affinität für jegliche Art des Sports. Mein Mitbewohner erklärt dazu, dass die Begeisterung für Gelegenheiten zum Wetteinsatz wie Pferde- und Hunderennen, Rugby oder Hurling in der 90.000 Einwohner starken Grafschaft Limerick zum Bau von 100.000 Plätzen in den örtlichen Stadien und Sportplätzen führte. Verrückt, sage ich. Die herzliche Gelassenheit der Iren, die mir bei vielen Begegnungen abseits des Sports auffällt, empfinde ich dagegen als äußerst adaptierungswürdig.

Schon ist es Zeit entlang des Flusses zurück zu unserer Wohnung zu schlendern und das Abenteuer ausklingen zu lassen. Nach drei Monaten voller Klischeesuche, umgeben von wunderschöner Natur und liebenswürdigen Menschen gehen sowohl der Tag als auch das Semester leider zu Ende. Mich erwartet der Abschied von vielen neuen Freunden aus aller Welt. Natürlich zu Livemusik im Pub. Pseudo-poetisch erkläre ich, dass Klischees wie Goldtöpfe am Ende des Regenbogens sind: "Wir sollten sie in Frage stellen!"

Der Mitbewohner murmelt derweil irgendwas von „...should shove some sheep!“.

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