Wanderlust

Mein verrücktestes Erlebnis in Laos

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Laos,Thailand

#Asien #Laos

Der Mann mit dem verwaschenen roten Shirt und der zerrissenen Jeans schreit schon wieder. „Sleeping-Bus!“, ruft er in schlechtem Englisch über den gesamten Busplatz von Vientiane: „Sleeping-Bus!“. Erst beim zweiten Tippen auf die Schulter bricht die langgezogene Silbe abrupt ab und er dreht sich zu mir um. Sein Lächeln ist fast vollkommen, nur das einsame lange schwarze Haar an seinem sonst glatt rasierten Kinn irritiert mich, ein seltsamer Modetick laotischer Männer. „Ein Busticket nach Thakhek, bitte!“, wende ich mich in fließendem Lao an den Ein-Haar-Träger.

Vientiane, die Hauptstadt von Laos, ist keine Schönheit. Trotz der knapp 350.000 Einwohner gibt es kaum Sehenswürdigkeiten, die Menschen sind unfreundlicher als im Rest des südostasiatischen Landes und die Taxipreise hoch. Daher freue ich mich fast auf die vor mir liegenden 350 km nach Thakhek, einer Kleinstadt in Zentrallaos, die in ihrer Beschaulichkeit wesentlich sympathischer ist als die Hauptstadt.

Die sechsstündige Fahrt mit dem Sleeping-Bus kenne ich bereits aus anderen Ausflügen - dass diese hier anders werden wird, kann ich daher noch nicht ahnen, als ich den jungen Mann mit dem einsamen Haar um ein Ticket bitte. Als dieser mir jedoch in gebrochenem Englisch den Fahrpreis von 250.000 Kip nennt, mache ich entgeistert einen Schritt zu. Das ist mehr als doppelt so hoch wie der normale Fahrpreis. Auf mein Nachacken erklärt er charmant, dass es kein Ticket nach Zentrallaos gebe. Wenn ich dort aussteigen möchte, müsse ich trotzdem den vollen Preis bis zur Endstation Pakse zahlen. Die Logik des Laoten ist eindeutig: „Doppelte Strecke, doppelter Preis!“. Gegen Argumente ist der Mann immun, so dass ich schließlich widerwillig die genannte Summe zahle. Beim Einsteigen seufze ich trotzdem glücklich. Der 25 Betten sind nicht voll belegt und so habe ich das Bett für mich allein. Die 1.10m-breiten Doppelstockbetten auf beiden Seiten des schmalen Mittelgangs sind eigentlich für zwei Personen ausgelegt. Die Nacht neben einer fremden Person zu verbringen ist also keine Seltenheit. Ich hole meine in weiser Voraussicht eingepackte Decke heraus und schlafe schnell ein.

Um Mitternacht bin ich wieder wach und vertreibe mir die letzte Stunde mit der Beobachtung der vorbeiziehenden, in sanftes Mondlicht getauchten Landschaften. Der Weg von Nord- nach Südlaos führt fast ausschließlich am Mekong vorbei, der die Grenze zum Nachbarland Thailand bildet. Die Straßen sind oft schlecht ausgebaut, was die Fahrzeuge zu einem langsamen Tempo zwingt und so bin ich kaum verwundert, dass beim Klingeln meines Weckers noch keine Busstation in Sicht ist. Ich warte und döse vor mich hin. Erst als der Zeiger meiner Uhr langsam auf 3.30 Uhr vorrücken, realisiere ich das Unvermeidliche: Ich muss die ganze Strecke bis in den Süden durchfahren.

Um sechs Uhr morgens kommen wir endlich in Pakse an. Mein Rücken schmerzt von den ungemütlichen Betten, die so kurz sind, dass man in die Embryonalstellung gezwungen wird. Völlig übermüdet suche ich nach einem Tuktuk, der hiesigen Version eines Taxis. Ich erwische einen mürrischen älteren Mann, der mich unter seinem Schnurrbart grummelnd begrüßt und mich in seinem knatternden fünfrädrigen Gefährt vor einem stinkenden Restaurant absetzt - das einzige Lokal, das um diese Tageszeit schon geöffnet hat. Ein Teller klebrige Bratnudeln später bin ich satt und ein bisschen besser gelaunt.

Ein weiteres Tuktuk bringt mich zurück zur Busstation, wo mir die junge Laotin am Schalter nun doch ein Ticket für einen der verhassten Lokal-Busse verkauft. Der Bus ist pink angemalt, innen ist es eng und stickig. Auf 50 Sitzen quetschen sich knapp 70 Menschen, ein aufgebrachter Hahn im Käfig und jede Mensche Schweinefutter, das in großen Säcken im Gang zwischen den Sitzen liegt. Auf einem kleinen Fernseher läuft in voller Lautstärke die neueste Folge der populären Thai-Soap-Opera „Dao Pra Sook“. Der Busfahrer kennt alle Lieder auswendig und singt begeistert und sehr schief mit. Die dicke Frau in der ersten Reihe leider auch. Alle paar Minuten steigen Menschen ein und aus, jedes Dorf ist einen Stopp wert. Der Busfahrer raucht bei jedem Halt eine halbe Zigarette, ein angeblich glücksbringender Brauch, bevor er einsteigt und weitersingt. Ich verbringe die Fahrt eingequetscht neben der dicken Frau, nach Singen ist mir nicht zumute.

Nach fünfundzwanzig statt sechs Stunden Fahrt komme ich endlich abends in Thakhek an. Ich nehme meinen grünen Rucksack entgegen, ignoriere die Motorgeräusche der wartenden Tuktuks und laufe aus Protest an alle Fahrer dieser Welt zu Fuß nach Hause. Als ich endlich meine Tür aufschließe, muss ich doch schmunzeln. Wer kann schon von sich behaupten, dass er ganz Laos an einem einzigen Tag bereist hat? Dann gehe ich schlafen.

Info-Kasten Laos:

Laos ist das einzige Binnenland in Südostasien. Auf einer Fläche von 236.800 km2 leben ca. 6,2 Millionen Einwohner. Da neun Zehntel des Landes von Gebirgen bedeckt sind, befinden sich vier der fünf Städte in einem kleinen Tiefland am Mekong. Der Fluss bildet die Südwestgrenze zu Thailand und zählt als Lebensader des kommunistischen Landes. Die wichtigste Straße, die Nationalstraße 13, folgt weitestgehend dem Flussverlauf und verbindet auf einer Strecke von 670 km das im Süden liegende Pakse mit der Kleinstadt Thakhek in Zentrallaos und der Hauptstadt Vientiane im Nordwesten. Im Gegensatz zu seinen berühmten Nachbarn Thailand, Vietnam, Kambodscha und China ist das sternschnuppenförmige Land in der westlichen Welt kaum bekannt.

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