Erfahrungsbericht: Auslandssemester Belgien

Allgemeine Daten

28.01.2017 - 24.06.2017
Belgien
Brüssel
Avenue Louise 427

Art des Aufenthalts

Praktikum Auslandssemester Kurzaufenthalt Abschlussarbeit

Hochschule / Betrieb im Ausland

École nationale supérieure des arts visuels de La Cambre

Studiengang

Innenarchitektur

Vor meiner Abreise

Wie war die Praktikums- / Studienplatzsuche?

Ich habe mich auf der Website unserer Hochschule über die verschiedenen Partnerhochschulen informiert und mich dann übers Mobility-Online-Portal beworben. Nachdem ich an der Partnerhochschule nominiert wurde, musste ich mich noch mit meinem Portfolio und einem Motivationsschreiben bewerben, welches online über das International Office in Hannover versand wurde. Ein paar Wochen danach habe ich meine Zusage von der La Cambre erhalten.

Wie war die Zimmer-/Wohnungssuche?

Leicht Mittel Schwer

Meine Unterkunft war...

von Privat Studentenwohnheim Eigene Wohnung Wohngemeinschaft

Über die Zimmer-/Wohnungssuche und Unterkunft

Da mein Freund im selben Zeitraum nach Brüssel gegangen ist, haben wir uns zusammen eine Wohnung gesucht. Unsere erste Wohnung haben wir über die Website www.brusselsdestination.be gefunden. So ähnlich wie bei airbnb bieten hier Privatleute ihre Wohnungen an. Die Wohnung befand sich in Anderlecht, einer der größten Stadtteile Brüssels. Der Stadtteil ist durch eine hohe Einwanderungsrate türkischer, arabischer, marokkanischer, albanischer und afrikanischer Menschen geprägt. Dementsprechend bunt und lebhaft war es dort. Allerdings muss ich sagen, dass man dort kaum Frauen auf der Straße gesehen hat. Gerade nach Einbruch der Dunkelheit habe ich mich somit oft unwohl und beobachtet auf der Straße gefühlt. Einige Teile in Anderlecht gelten nachts sogar als Tabu-Zonen.
Nach 2 Monaten sind wir dann nach Ixelles gezogen. Die Wohnung haben wir über eine der vielen Facebookgruppen gefunden, die die Erasmuskoordinatorin an der La Cambre empfohlen hatte. Ixelles ist der Stadtteil, in dem sich auch die La Cambre befindet. Da meine Wohnung sich in der selben Straße wie die Uni befunden hat, habe ich nur wenige Minuten dorthin gebraucht, egal ob zu Fuß oder mit der Tram. Gerade die Straße, in der ich gelebt habe, stellte einen enormen Kontrast zu meiner vorherigen Wohnsituation da. Auf der Avenue Louise kommt durch den Mix aus den typischen belgischen Altbauten und moderner Architektur, die teilweise an amerikanische Wolkenkratzer erinnert, Großstadtfeeling auf.
Die meisten Studenten an der La Cambre leben dort, in Ixelles, oder im angrenzenden Stadtteil St. Gilles.

Finanzen und Versicherungen

Welche Versicherungen hast Du vor der Reise abgeschlossen?

Kranken- und Haftpflichtversicherung
Reiseversicherung
Unfallversicherung

Art der Finanzierung

Stipendium
Eltern/Familie
Ersparnisse
Darlehen
BaföG

Wie waren die Lebenserhaltungskosten?

Die Lebenserhaltungskosten in Belgien waren sehr hoch. Für meine erste Wohnung habe ich 750 und für die zweite 800 Euro gezahlt. Natürlich im Endeffekt, da wir zu Zweit dort gelebt haben, jeweils die Hälfte. Die gängigen Supermärkte in Belgien, wie Carrefour oder Del Haize waren fast doppelt so teuer wie in Deutschland. Deshalb habe ich versucht so oft wie möglich auf dem Markt in Anderlecht einzukaufen. Das ist ein riesiger Markt mit einer übergroßen Auswahl an Ständen, an denen man Obst, Gemüse, Käse, Fleisch und Fisch kaufen kann. Die meisten Stände wurden von arabischen Männern betrieben, die sehr offen und lebhaft waren, sodass auf dem Markt insgesamt eine tolle und außergewöhnliche Atmosphäre herrscht und ich diesen Ort sogar als ein Highlight in Brüssel betiteln würde. Dort war es sehr günstig. Der Markt findet an 3 Tagen in der Woche statt.
Einige Dinge gab es dann aber doch nur im Supermarkt zu kaufen, sodass ich im Endeffekt auch oft dort hingegangen bin, gerade wenn man mal spontan was brauchte.
Günstiger im Vergleich zu deutschen Städten hingegen, sind Brüssels zahlreiche Second Hand Shops, in denen man wirklich gute Kleidung, die noch fast wie neu ist, zu einem sehr fairen Preis bekommt.

Während meines Aufenthalts

Kurzbeschreibung zur Hochschule/Einrichtung...

Die La Cambre ist eine sehr kleine und überschauliche Kunsthochschule. Sie wurde 1926 von Henry van de Velde, einem berühmten belgischen Maler und Architekten gegründet und bietet insgesamt 18 artistische Studiengänge an. Die Universität ist auf mehrere Standorte verteilt. Der Hauptstandort befindet sich in einem alten Kloster mit einer riesigen Gartenanlage und einer Kirche. Dort sieht es aus wie im Märchen. Das Atelier des Studiengangs Innenarchitektur befindet sich allerdings in einem 13-stöckigen Hochhaus auf der Avenue Louise. Hier hat jeder Studiengang sein eigenes Atelier auf seiner eigenen Etage, in welchem frei gearbeitet werden kann und man auch seine Sachen (Modelle, Materialien usw.) lagern kann. Anders als an unserer Hochschule öffnet die La Cambre morgens um 8:30 und schließt abends um 6, sodass man auch wirklich nach Hause gehen muss.

Tätigkeiten / Inhalte / Lehrveranstaltungen deines Praktikums / Studiums /etc.

An der La Cambre habe ich insgesamt Kurse für 24 Credits belegt, wovon ich am Ende 18 bestanden haben muss. Davon waren allein 18 Credits schon der Arbeitsaufwand meines Hauptfaches, des Entwurfes. Außerdem habe ich 3 theoretische Kurse belegt, wovon einer auf Englisch war. Die Kurse auf Französisch waren allerdings vom sprachlichen Niveau her viel zu anspruchsvoll, um dort wirklich mithalten zu können, haben mir aber geholfen einfach durchs Zuhören ein besseres Sprachgefühl zu entwickeln.
In meinem Entwurf musste ich ein komplettes Gebäude entwerfen, womit ich am Anfang leicht überfordert war, da ich noch nie zuvor an einem so architektonischen Projekt gearbeitet hatte. Anders als in Hannover wurde auch überhaupt nicht in Gruppen gearbeitet, sondern jeder für sich alleine. Nachdem wir in der ersten Woche eine Einführung ins Projekt hatten, hatten wir in den Wochen danach immer Korrekturtermine im Atelier, in denen man gezeigt hat woran man in der letzte Woche gearbeitet hat. Insgesamt hatte ich mit mehreren Dozenten zu tun, wobei 2 davon die Hauptbetreuer unseres Entwurfes waren. Einmal im Monat gab es jeweils eine Zwischenpräsentation, bei denen immer der Hauptprof und Leiter des Ateliers, Pierre Lhoas, und manchmal auch andere Dozenten dabei waren. Eine große Umstellung für mich war, dass an der La Cambre nicht digital präsentiert wird, sondern alles ausgedruckt und nach dem Prinzip einer kleinen Ausstellung präsentiert wird. Am Ende des Semesters präsentieren alle Studenten ihren Entwurf vor einer externen Jury, welche aus externen Architekten und Designern besteht. Hierzu hatten wir einen extra Ausstellungsraum zur Verfügung, in dem wir unsere Pläne, Modelle, Zeichnungen usw. ausstellen konnten. Neben des Entwurfes gab es auch noch die "semaine atypique", in der alle Semester aus dem Studiengang Innenarchitektur ein Podest entworfen und gebaut haben, auf dem jeder ein Objekt seiner Wahl präsentiert hat. Außerdem gab es eine schriftliche Arbeit, bei der jeder aus der Klasse ein unterschiedliches Buch gelesen und darüber eine Analyse verfasst hat.

Wie war der Kontakt zu Kommilitonen/Arbeitskollegen/Einheimischen?

Ich hatte den Eindruck, dass die La Cambre eine Universität ist, welche unter sich bleibt. So gab es leider auch keinen Kontakt zum Erasmusnetzwerk in Brüssel und dementsprechend keine Erasmusveranstaltungen für uns, was ich persönlich sehr schade fand, da ich gerne mehr internationale Studenten kennengelernt hätte. Mit mir waren 6 weitere Erasmusstudenten in anderen Studiengängen an der La Cambre, zu denen ich ab und an Kontakt hatte. Allerdings war jeder sehr eingespannt in seinen Studiengang und somit habe ich auch die meiste Zeit hier für die Uni gearbeitet und hatte eher weniger social life. Die 7 anderen Studenten aus meiner Klasse waren alle sehr nett, sodass ich auch ab und an was mit ihnen unternommen habe. Obwohl die Klasse so klein war, hatte ich aber den Eindruck, dass nicht so eine Gemeinschaft entsteht und jeder mehr seinen eigenen Weg geht. Da auch nun mal jeder an seinem eigenen Projekt gearbeitet hat und es keine Teams gab, wurde dieses Gefühl noch mal verstärkt.
Leider muss ich sagen, dass ich von den Dozenten an der La Cambre sehr enttäuscht bin. Schon am ersten Tag habe ich gemerkt, dass keiner wirklich wusste, dass es eine Erasmusstudentin gibt. Auch im weiteren Verlauf des Semesters habe ich oft zu spüren bekommen, dass die Profs sich nicht wirklich für mich interessiert haben. Besonders in der Anfangszeit bin ich zu den Korrekturterminen gekommen, habe meine Sachen vorgestellt und es wurde mir einfach nur gesagt, dass es nicht gut ist, aber keiner hat sich mal die Zeit genommen einen Dialog aufzubauen, sich wirklich für meine Ideen zu interessieren und mir weiterzuhelfen. Das hat mir ziemlich zu schaffen gemacht. Ich bin aber hartnäckig geblieben und wirklich jede Woche zur Korrektur erschienen, sodass sie mir irgendwann nicht mehr ausweichen konnten und sich mit meinem Projekt befassen mussten. Das schlechte Verhältnis zu den Dozenten hat mich ziemlich runtergezogen und natürlich habe ich mich oft gefragt, ob es vielleicht doch an mir liegt. Durch den guten Kontakt zu anderen Studenten habe ich aber erfahren, dass die anderen Erasmusstudenten vor mir die selben Probleme hatten und die Dozenten sich anscheinend wirklich nicht für einen Erasmusaustausch interessieren. Das alles fand ich sehr schade und es hat mir viel kaputt gemacht, da ich mich somit dort einfach nicht willkommen gefühlt habe.

Was hast Du in deiner Freizeit gemacht?

In meiner wenigen Freizeit bin ich viel draußen unterwegs gewesen und habe einfach die Stadt erkundet. Außerdem hat Brüssel viele nette Cafés und Kneipen, in denen man sich durch Belgiens riesiges Biersortiment probieren kann. Gerne war ich Montag abends beim Foodmarkt in St. Gilles, auf dem man leckeren Käse, Obst, Gemüse und vieles mehr kaufen konnte, aber auch vor Ort zubereitete Gerichte genießen konnte. Von asiatischem Essen bis zu typisch belgischem Essen und leckerem Wein war alles dabei. Als das Wetter ab April endlich besser geworden ist (vorher hat es fast nur geregnet), bin ich oft in den Park gegangen. Hiervon gibt es einige, die ziemlich versteckt sind, sodass man plötzlich einen Kontrast zur Stadt erlebt und sich in einer grünen Oase befindet. Außerdem gibt es, sobald das Wetter gut ist, super viele kleine Openair Partys im Park und auch Afterwork Open Airs.
Brüssel ist auch gut gelegen um zu reisen. So kann man mit dem Zug für wenig Geld in umliegende Städte reisen. Besonders zu empfehlen ist Antwerpen. Eine kleinere Stadt im flämischen Teil Belgiens, welche mir persönlich besser gefallen hat als Brüssel. Auch nach Rotterdam oder Amsterdam kommt man schnell und günstig mit dem Flixbus.

Nach meiner Rückkehr

Fazit und besondere Erlebnisse

Insgesamt muss ich leider sagen, dass ich mit hohen Erwartungen und viel Freude ins Erasmussemester gegangen bin, aber im Endeffekt eher enttäuscht wurde. Ein Erasmussemester stand für mich immer für Offenheit, Interesse, Neugier und Toleranz. An der La Cambre habe ich eher das Gegenteil zu spüren bekommen, was mir meine Zeit in Brüssel ziemlich madig gemacht hat. Auch wenn an der Uni eigentlich tolle Aufgaben gestellt wurden und die Art zu präsentieren, vor allem am Ende des Semesters vor externen Designern und Architekten, eine Bereicherung waren: wenn die Professoren dich nicht machen lassen und nicht gewollt sind sich auf dich einzulassen und dir Wissen zu vermitteln, dich teilweise sogar auflaufen lassen, dann macht das alles keinen Spaß.
In meiner Zeit in Brüssel habe ich auch Erfahrungen mit der belgischen Polizei gemacht, da mir mein Portemonnaie gestohlen wurde. Als ich das bei der Polizei melden wollte, wurde ich erst zur deutschen Botschaft geschickt und die hat mich dann aber wieder an die Polizei verwiesen. Diese war nicht bereit mir zu helfen und hat sich mir gegenüber sehr unfreundlich verhalten und mir sogar gesagt, dass ich gefälligst Französisch oder Niederländisch zu sprechen hätte, sodass ich bis zum Schluss keine Meldung machen konnte.
Derartige Erfahrungen in einem fremden Land habe ich vorher noch nie gemacht. Den Ausdruck "sich in einem Land nicht willkommen geheißen zu fühlen" habe ich schon oft gehört und in Belgien zum ersten mal am eigenen Leib gespürt.
Trotz all den negativen Erfahrungen die ich gemacht habe, muss ich sagen, dass dieser Aufenthalt auf keinen Fall umsonst war. Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt, mit Frust und unfreundlichen Menschen umzugehen, Biss zu haben und nicht aufzugeben. Und am Ende habe ich auch all meine Credits bekommen.

Welche weiteren wichtigen Hinweise hast Du für zukünftige Studierende?

Ich hoffe, dass dieser Erfahrungsbericht niemanden davon abhält ein Auslandssemester zu machen. Man kann immer Pech haben und an eine Institution oder Menschen geraten, die einem nichts Gutes wollen. Das Wichtigste ist, was du am Ende daraus machst, sodass du mit dir selbst im Reinen bist.
Vielleicht ist es von Vorteil sich vor der Wahl der Partnerhochschule gut darüber zu informieren ob die Hochschule im Ausland viele Erasmusstudenten hat und auch mit anderen Unis vernetzt ist, sodass, wenn es in der Uni mal wirklich nicht laufen sollte, man wenigstens viele tolle internationale Studenten kennen lernt, mit denen man sich austauschen kann und nicht alleine dasteht.

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